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was zu beweisen war

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April 21 # was zu beweisen war

Wenn das so geplant war, dann hätte man es nicht besser machen können: Ein paar Kulturschaffende äußern nach über einem Jahr kontrovers eine Meinung ( auch, wenn diese ironisch verkleidet war ), die nicht der vorgegebenen Thesis entspricht, und ernten dafür empörte, moralische Verrufe. Genau das Klima, welches einige von Ihnen versuchen anzuprangern oder infragezustellen, peitscht Ihnen Stürme der SchwarzWeiss-Malerei und Unterstellungen des Verschwörertums um die Ohren - wahrscheinlich war das der Grund, warum sie als Stilmittel den Sarkasmus wählten und dabei leider den Zynismus nicht vermeiden konnten. Es passiert immer wieder, es etabliert sich umso mehr, je länger die Ausnahmesituation anhält, und die Spaltungsvorwürfe kommen genau von denen, die Antithesen nicht inhaltlich und argumentativ, sondern absolut und per Stigmata beantworten, was letztlich die eigentliche Spaltung erzeugt. Wer nicht in der Lage oder bereit ist, die gerade in Demokratien so notwendige Dialektik herzustellen oder aufrechtzuerhalten, der sollte sich besser nicht verurteilend äußern ( siehe Igor Levit )- weil der Vorwurf, per Antithese zu spalten und sich doch bitte auf die Thesis zu besinnen, wesenhaft die eigentliche Spaltung darstellt. Wo kommt das plötzlich her, diese Tabuisierung von Grauzonen, von differenzierendem Denken, von Debatten und Auffassungen, die mehr von einem sowohl-als auch und von relativierendem Dafürhalten geprägt sind, zugunsten eines verabsolutierenden, dogmatischen und im Kern faschistoiden Debattenklima, das nur noch zwei Schubladen kennt und bereitstellt, und die eine der beiden auch noch mit dem Kainsmal der Verschwörungsmystik versieht? Klar, ich muss dieser Aktion inhaltlich nicht zustimmen, aber dieses pseudomoralische Verrufen ( Böhmermann ), dieses Hantieren mit der dichotomen Jebsenkeule ( Ulmen ), oder gleich diese empörungsüberladene Disqualifikation aller Beteiligten, indem das Q-Wort im selben Satz erwähnt wird ( Niggemeier ), das ist einfach nur bezeichnend und wesentlich gefährlicher, als jeder einzelne Beitrag der Schauspieler es sein könnte. Ich möchte eine Krankenschwester oder einen Hinterbliebenen sehen, der sich verhöhnt fühlt, weil jemand die Angstpolitik oder das bestehende Diskussionsklima nicht goutiert. Wenn Hansjochen Wagner - berechtigterweise - fragt, für wen - Aleardi oder Liefers ? - denn eigentlich sprechen, dann kann er sich diese Frage auch gefallen lassen. Für wen springt er da in eine konstruierte Bresche, aus ebenso gesicherter, etablierter und privilegierter Position? Ich erwarte in einem aufgeklärten und demokratischen Staat des 21. Jahrhunderts, dass dessen Bürger es den Kunst-und Kulturschaffenden jederzeit gestatten, Kontroversen zu eröffnen, Dinge zu hinterfragen und durch streitbare Ansichten und Aussagen ein Nach-und Umdenken zumindest zu ermöglichen oder auch nur anzubieten. Ob dies dann im Einzelfall geschieht, bleibt jedem selber überlassen. Wir brauchen uns sonst und andernfalls nicht mehr beklagen, über seichte und linientreue Unterhaltungsindustrien, die nichts mehr wagen, sondern nur noch bedienen. Eine öffentliche Debatte, die von einem Für/Wider bestimmt und durch Angsterzeugung homogen gehalten wird, hat bisher noch jedem Staat, und diesem historisch ganz besonders, geschadet.

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Autor Florian Giesenhagen

Dipl.-Hygiagoge im Hygiagogik-Zentrum Nordwest

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