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Das allererste Rauschen/1

Blog Single

März 25/1 # das allererste rauschen/1

Das allererste Rauschen


Erzählung (1994-1998)

in Fortsetzungen...


das Letzte, was ich noch erinnere, ist dieses Schlingern, ein Gefühl, als würden wir entgleisen, als wären wir plötzlich aus der Spur geraten, mitsamt

dem Wagen. Im nächsten Moment krachte und knallte und schepperte es, etwas splitterte, jemand schrie - wahrscheinlich ich - ich spürte einen dumpfen Schmerz an meinem Kopf und dachte ganz kurz, für die Dauer eines Gedankens, „jetzt bist du tot…“

Dann war alles weg. ICH war weg, da waren keine Bilder und keine Gedanken mehr, vielleicht für eine Sekunde oder für zwei Stunden.

Irgendwann spürte ich einen leichten Druck, irgendwo, von irgendwo, etwas rüttelte an meiner Schulter, ich öffnete die Augen und sah F, auf dem Kopf stehend. Übergangslos - ohne dies konkret zu denken - leuchtete mir irgendwie ein, dass wir einen Unfall gehabt hatten, dass der Wagen auf dem Dach lag, dass F bereits ausgestiegen und zur Beifahrerseite gelaufen war, dass er sich um mich und meinen Zustand sorgte.

Sein Blick war irritiert, zweifelnd, bekümmert. Es war in diesem Augenblick die reine Spiegelung, ich und meine Emotionen reagierten vollkommen auf das, was sie in seinem Gesicht zu lesen glaubten - Angst, Hoffnung, Erleichterung, Sorge und Kummer, die Dominanz des jeweilig von mir gelesenen, decodierten Gefühls, schwemmte seine Entsprechung in mein Empfinden, unmittelbar. Mehr und deutlicher als mein eigener Körper, sendete mir der Ausdruck in und auf seinem Gesicht Aussage darüber, was mit mir geschehen war, wie es um mich stand - er lächelt, es kann nicht so wild sein; er zweifelt, es sieht wohl schlimm aus; er versucht zu scherzen: ich werde hier sicher gleich sterben...

Ich wagte noch nicht, meinen Blick von ihm abzuwenden, die Augen auf mich zu lenken, in den Seitenspiegel zu sehen, oder einfach nur aufzustehen, mir eine Gewissheit zu verschaffen, über mich und das Widerfahrnis. Ich wollte beschwichtigt sein, von ihm, von demjenigen, der diesen Crash

verursacht hatte, dessen Träne uns in diese Situation manövriert und mich als Leidtragenden auserkoren zu haben schien.


Es war auch noch etwas anderes, was mir durch den Kopf ging, nicht als fertiger Gedanke, nicht als Beschluss, Erkenntnis oder Entscheidung, eher

etwas Fluides, Flüchtiges, ein Hauch, dessen Empfindung mich nur streifte, eine Ahnung, die mich sanft an den Rändern meines Gewahrseins berührte und mich dort anzufassen drohte. Es hatte etwas mit MACHT zu tun, mit SCHULD, und damit, durch diesen Vorfall in einer Situation und Position zu sein, in der er mir etwas schuldig war, ein neuer Sachverhalt, anhand dessen er sich mir gegenüber schuldig gemacht- und den er fortan zu sühnen hatte, eine Art Faust-Pfand, den ich einzusetzen vermochte, irgendwann, irgendwie, der mir Einfluss auf ihn verschaffte und der die Hierarchien zwischen uns aufmischte und neu zu sortieren und zu verteilen versprach.



VORSPIEL

1

Da ist immer auch ein Bild, neben dem Menschen. Keine Fotografie, keine Illustration, keine Erzählung. Eher schon eine Art Konglomerat, aus allen Blicken und Entwerfungen, das in seinem Querschnitt, in den Schnittmengen und Zwischenräumen, unsere Erscheinung objektiviert und

dokumentiert, das am zutreffendsten auf uns verweist, auf das, was wir am Ende gewesen sein werden, was von uns übrig bleibt, im Angesehensein, als das Sein für Andere.
Vielleicht hat dann jeder, der zurückgelassen ist, EIN konkretes Bild, eines, das vorrangig haften und das übrig bleibt, das jede andere Erinnerung überdauert und überstrahlt, heller, deutlicher und einprägsamer noch, als zweiundzwanzig Jahre Leben:

Er stand wie immer rauchend da, irgendwo angelehnt, ein Bein angewinkelt und mit dem Spann abgestützt, Kippe oder Tüte linkshändig, ein Bier in der Rechten. Wahrscheinlich hatte er gerade geredet, hatte aufgetextet in dieser Ausschließlichkeit, die alle Umstehenden monologisch traktierte, ermüdete und bald zwangsläufig erschöpfte. Wahrscheinlich hatten die nicht hingehört, hatten ihm beim Sprechen nur zugeschaut, weil der Inhalt ihnen irgendwann entglitten war, weil auch nicht wichtig war, was er sagte, und ob es jemand verstand, weil es vielmehr darum ging, das eigene Denken anhand der anderen zu kanalisieren und zu greifen, es in den Griff zu bekommen, dessen habhaft zu werden, was das Gehirn da produzierte, unter dem Einfluss diverser Substanzen.

Ich war von der Hütten-Toilette gekommen, hatte dort mit Schmiddi ein paar Nasen gezogen, es juckte schön und es brannte ordentlich, an den

Schleimhäuten und Blutschranken. Ich rieb mir die Nasenflügel und bemühte mich um Orientierung, räumlich, zeitlich, zwischenmenschlich. Von hinten spürte ich die Arme T´s, der sie euphorisiert um meine Schultern legte. Dann blickte ich nochmal in alle Richtungen - das Panorama dieser Nacht, lauschte den tiefen Bässen des Goa-Sets, schaute zum Himmel, wo ein schmaler Strich des abnehmenden Mondes sich hinter Wolkenformationen zu verstecken suchte, und als ich wieder zu F sah, zu der Runde, die sich da versammelt gehabt hatte, da war er nicht anwesend, da war dort nur noch eine Lücke, die er gelassen hatte, die er schaffen und hinterlassen sollte.

Die Empfindung, in genau diesem Moment, ganz sanft nur, wie ein Gefühl, das noch eines werden muss, wie ein Eindruck, der sich selbst verweigert, nur der Abriss eines Einvernehmens: Er war nicht nur weg. Er war vielmehr niemals da gewesen.


2

Manchmal, wenn ich hinter ihm ging und ihn beobachtete, wenn ich sehen konnte, wie er und Schmiddi sich gegenseitig zutexteten, wild gestikulierend, laut lachend und beiläufig Grimassen schneidend, dann erkannte ich in ihm diesen Clown, der er auch hatte sein können, der er auch gewesen ist. Nach vorne breiter werdende, plattgelatschte Schuhe, in den Knien ausgebeulte Hosen, die Kippen hinten in der abgewetzten Gesäßtasche, immer leicht drüber, von allem etwas zu viel - zu laut, zu wach, zu unruhig…

Er drehte sich dann oft, ganz plötzlich, einfach um, im Gehen, als hätte ihn mein Blick im Nacken gekitzelt, nahm den Kontakt wieder auf, zu mir, zu uns, zu all denen, die hinter ihm liefen und sich darum bemühten, Schritt zu halten, ihm zu folgen.

Dann hatte ich den Eindruck, er würde sich unserer Anwesenheit immer wieder und neu vergewissern müssen, als tastete er unsere Blicke nach Zustimmung und nach wohlwollender Resonanz ab. Jede nicht vollkommene Harmonie, die er zwischen sich und denen identifizierte, die ihm nahestanden, schien feine Risse in seine gesamte Lebenswelt zu treiben, und der erste Aufriss setzte stets bei dem Bild an, das er sich von sich selber machte. Genau dort klaffte dann eine Zerbrechlichkeit und eine Verwundung auf, deren Versorgung und Wiederherstellung völlig auf

die Blicke anderer verwiesen war. Ein fundamentaler Taumel, der ihn, sein Umfeld und seine Wirklichkeit in einen Schwindel zu versetzen drohte.

Der ganze Mensch ein Schwindel, der sich an sich selbst erregt - ist so etwas

möglich, ist das denkbar?

Dieses aus sich selber rausgewachsene Geschöpf, ungestüm und wild, dieser ungelenke Junge, der dann sichtbar wurde, den zu verkörpern ihm keine Mühe machte - heftig und unbändig in seinem Temperament, urwüchsig, ohne Zurückhaltung erregbar, begeistert bis zur Entgeisterung – all dies wollte und musste losgelassen sein, wie immer schon all das, was naturgemäß nach aussen drängt, was zieht und zerrt und sich wesenhaft jeder Gebundenheit verweigert.

Das hatte ich nicht gesehen.

Das hatte ich nicht sehen wollen.

Das hatte ich zu spät begriffen.

Ich frage mich, wann wir zu scheitern begannen. Ab wann es schiefzugehen drohte und zu entgleisen, wann dieses reine, gelingende Geschehen,

das sich mit dem Einzug in die Zivi-Wohnung der Diakonie auszulegen versprach und sich uns allen einzuschreiben schien, wann das eigentlich seinen Zauber verlor - seit und ab wann es also nicht mehr heissen konnte:

ES GEHT.

Wann habe ich es primär vernommen, dieses allererste Rauschen…?



Erzählung wird wöchentlich fortgesetzt.




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Autor Florian Giesenhagen

Dipl.-Hygiagoge im Hygiagogik-Zentrum Nordwest

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