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komische hunde

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MAI 19/1 # komische hunde

Kurze Erzählung:

Donnerstag, 14.August 2014

Es ist mitnichten so, dass Howie es nicht probiert hätte, es nicht immer wieder mal probiert hätte, den Stoff von sich und sich von der Droge zu lösen ... Hatte sogar zwei Versuche unternommen, für die er heute kein Verständnis mehr aufbringen kann, die ihm, rückblickend, absurd und lächerlich erscheinen, fast wie ein ein-, nein, wie ein zweimaliges, halbschwules Intermezzo, wie ein mädchenhafter Fehlgriff, der ja nur auf seine eklatante und existentielle Verzweiflung hinweist und hinwies, vor allem der erste der beiden, ein Termin bei einer Psychologin, irgendeine Schmetterhexe mit Doppelnamen, kann er sich nicht erinnern, wie der genau lautete, ist aber auch egal, war er einmal da gewesen und dann nie wieder, war ohnehin in seiner Einmaligkeit schon peinlich genug, hatte auch niemand von erfahren und würde auch niemals jemand von erfahren, besser so, wie würde er dagestanden haben, wie würde er dastehen?

Die Uschi saß ihm gegenüber, total verwelkt in der eigenen Theoriesuppe, schon Fäulnis hatte die da angesetzt, er konnte frisch gemähtes Gras riechen, wie er immer alles besonders deutlich und unangenehmst zu riechen vermochte, wenn er sich mal ein paar Tage der Abstinenz ausgeliefert hatte oder sah, völlig wildgewordene und nicht zu bändigende Sinnlichkeit, die da so vor sich hin und in ihm und mit ihm wütete, er roch die Menschen nicht, er sog deren Geruch in sich auf, ungeschützt und ohne Filter, bis er kurz vor dem Erbrechen stand, vor lauter Ekel. Einmal, in einem Bus des öffentlichen Nahverkehrs, hatte er es nicht mehr kontrollieren können, hatte - in direkter Reaktion auf die örtliche Nähe, die zwischen seinem Riechkolben und der bald schimmelnden Achsel eines adipösen Typen in Muskelshirt plötzlich bestanden hatte - in ebendiesen Bus des öffentlichen Nahverkehrs sich übergeben. Rausschmiss und vierwöchiges Fahrverbot waren die Folge gewesen, da allenthalben vermutet wurde, dass er, Horst Wiemann, an diesem Vormittag um Zehn, bereits volltrunken und/oder zugedröhnt war - dabei war er nüchtern wie ein Babypups, jungfräulich wie Dunja Hajali, das war ja genau das Problem gewesen... Dies jedoch hatte man ihm nicht geglaubt, er hatte wahrscheinlich auch nicht wirklich nüchtern oder jungfräulich ausgesehen, aber wer wollte das schon festlegen und beurteilen können oder dürfen, wie hatte man denn auszusehen, um Abstinenz zu signalisieren, und, vor allem, wer sah denn bitteschön noch so aus, wenn man sich mal umsah, sah denn irgendjemand noch so aus, als wäre er gesund, oder nüchtern, oder beides?

Jedenfalls, die Therapeuten-Uschi saß dann einfach da, auf ihrem Therapeuten-Thron, er auf einem Stuhl vor ihrem Schreibtisch, nichts von wegen Sofa und son Kram, Freud und die ganze Nummer, nein, einfach er, die Uschi, und dazwischen, als distanzschaffende und rollenverteilende Instanz, dieser fette Schreibtisch, völlig leergefegt, bis auf ein gerahmtes Foto, ein weißes, von der Uschi noch zu beschreibendes Papier und ein angespitzter Bleistift, ansonsten nur Fläche, reine Fläche, Holz und Holz und Holz ... Nach gefühlten zwei Monaten, in denen die Uschi ihn immer wieder nur angesehen hatte, in denen er achtundsiebzig mal zu seinen Kippen gegriffen und diese, aufgrund des eingangs erwähnten Rauchverbotes, wieder zurück in die Tasche seiner Trainingsjacke geschoben hatte, entwickelte sich dann, wie aus dem Nichts und in das Nichts, ein Dialog, den Howie folgendermaßen erinnert:

Howie (sich räuspernd): "Ja, nun ..."

Uschi (die Augen weit öffnend, ihn ansehend und das Kinn leicht senkend): ...

Howie (die Arme verschränkend): "Schöne Arbeit, der Tisch...Furniert?"

Uschi (das Blatt Papier und den Stift ergreifend): "Herr Wiemann ..."

Howie: "Howie bitte, einfach nur Howie ..."

Uschi: "Herr Wiemann, warum ...?

Howie: "Herr Wiemann is irgendwie immer noch mein Vatter, immer gewesen ..."

Uschi (aufschauend, Notizen machend): "Nun, dann reden wir doch über ihren Vater ..."

Howie (zu den Kippen greifend, sie wieder in die Tasche seines Trainingsanzuges zurückschiebend): "Ich dachte, ihr habt das immer eher mit der Mutti und so, wegen den Freud da, der hat ja auch immer so mit seiner Mutti und so ..."

Uschi: "Wir können auch über ihre Mutter reden, wenn ihnen das sinnvoller erscheint ..."

Howie: "Ich würd gern über Medikamente reden, Methadon und so, bin echt affig grad, kann man da nicht ..."

Uschi: "Warum weichen sie aus, Herr Wiemann, ist ihnen das unangenehm, über ihre Eltern zu reden?"

Howie: "...bin am Schwitzen und am Scheissen, die ganze Zeit, könnt schon wieder, wo ist das Klo?"

Uschi (seufzend, mit dem Bleistift in eine Richtung weisend): "Bitte so hinterlassen, wie sie diesen Raum vorzufinden wünschen ..."

Howie (sich kurz erhebend, dann wieder setzend): "Nee, geht schon wieder, war nur ein Pupsi...Tschuldigung ..."

Uschi (die Nase rümpfend, das gerahmte Foto auf dem eventuell furnierten Schreibtisch zurechtrückend): "Nun, ja ..."

Howie (mit der Hand vor dem eigenen Gesicht wedelnd): "Oh nein, Verzeihung, das is der Döner vom Özdemir gestern. Is der beste, aber voll viel Zwiebeln, roh!"

Uschi (aufstehend, das Fenster weit öffnend, auf die Uhr sehend): "Herr Wiemann, ich habe nicht den Eindruck, dass ich ihnen ..."

Howie: "...gefalle? Doch, doch, vom Typ her schon, is nur das Alter, und wahrscheinlich vonner anderen Frakzjon, wir beide, obwohl, eigentlich ja nich, ich steh ja auch auf Frauen ..."

Uschi (rot werdend, das Foto auf dem eventuell furnierten Schreibtisch ein Stück zu sich rückend): "Das wollte ich eigentlich nicht ausgedrückt haben. Eher zweifle ich den Umstand an, ihnen helfen zu können."

Howie: "Wobei?"

Uschi: "Wie, wobei?"

Howie: "Helfen, wobei helfen?"

Uschi: "Warum sind sie denn hier, Herr Wiemann?"

Howie: "Wegen die Medikamente, zunächst mal, und weil ich so affig bin, sachte ich ja ..."

Uschi: "Ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie, Herr Wiemann ..."

Howie: "Wat?"

Uschi: "...ich kann ihnen Globuli verschreiben, oder auch geben, wenn es dringend ist ..."

Howie: "Globuli. Diese Kugeln? Dass`ja wie in ne Güllegrube pupsen! Oder nen Wunderbaum da rein legen. Wie ne Paracetamol, wenn man vonnen Panzer überrollt is, wie Akupressur bei Krebs innen Endstadium, wie ..."

Uschi: "Herr Wiemann!"

Howie: "...Reki bei ner Schusswunde ..."

Uschi (aufstehend, lauter werdend): "Herr Wiemann! Schluss jetzt!"

Howie: "...ein Pflaster nach nem offenen Schienbeinbruch ..."

Uschi (sich um den Tisch bewegend, direkt auf Howie zu): "Bitte gehen Sie jetzt!"

Howie (aufstehend, in Deckung gehend): "Methadon, Polamidon, Subutex, irgendwas, was dröhnt und was mir den Affen vonner Schulter nimmt ..."

Uschi: "Verlassen Sie umgehend meine Ordination!"

Howie: "Ordi was? Dann können wir auch über Mutti reden...echt mal jetzt ..."

Uschi (Howie am Ärmel der Trainingsjacke greifend): "Ich muss sonst die Polizei verständigen ..."

Howie: "Oder über den Ö–dipus ..."

Uschi (zur Türe gehend, diese öffnend und sich daneben stellend): "Letzte Warnung, Herr Wiemann, entweder sie gehen freiwillig ..."

Howie (aufstehend): "Kann ich vorher nochmal die Toilette ...?"

Uschi: "Nein!"

Howie (den Oberkörper vorbeugend): "Ich muss aber, glaub ich, oder das is wieder nur son Dönerpupsi ..."

Uschi (in die Tasche ihres Hosenanzugs greifend, über ein Handy wischend) : "Das ist ja ekelhaft, hab ich ja noch nie erlebt, und ihr wundert euch ..."

Howie (den Weg zur Tür nehmend, ein bis zwei Flatulenzen entlassend): "Das sind die Zwiebeln, roh, und das Zaziki!"

Uschi (das Telefon am Arm sinken lassend, als Howie durch die geöffnete Tür tritt): "E-kel-haft!"

Howie (im Rausgehen, sich dabei nicht umsehend): "Globuli...ich glaubs ja nicht...und vielleicht noch nen Latte macchiato? Pino Gridscho oder was...ich glaubs ja nicht ..."

( Kurze Erzählung beendet... )


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Autor Florian Giesenhagen

Dipl.-Hygiagoge im Hygiagogik-Zentrum Nordwest

1 Kommentare

  1. Liest sich gut, bin gespannt wie es weitergeht. 😉

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