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2 KLINIKPROTOKOLL M - 20.12.97
Jeweils den vergangenen Tag im Präsens zu dokumentieren, als würde es sich jetzt gerade ereignen, im Moment der Niederschrift, soll mir meine Gegenwart als handelnder Akteur vermitteln, meint Licher. Scheinbar entsteht der Eindruck, ich wäre nicht ausreichend verwoben, in das Geschehen, ich würde eher beobachten, denn teilnehmen. Ich frage mich, noch während er redet und mich dabei wie ein dickes, schwammiges Reptil fixiert, wie man sich selbst derart entgleiten kann, wie eine Existenz so vollumfänglich am eigenen Dasein scheitert. Entscheidet man sich dazu, überlegt man irgendwann, wenn man älter wird, vielleicht an einem Sonntag, während des ZDF-Fernsehgartens, „jetzt hab ich´s, jetzt weiß ich, wer und wie ich sein will, ich will vor allem und zunächst einmal aussehen, wirken und erscheinen wie eine vieräugige und adipöse Blindschleiche, und riechen will ich auch entsprechend, mich kleiden wie ein Kriechtier, eine Brille will ich tragen, die soll groß und schwer sein wie eine Doppelhausverglasung, sie soll meinen Kopf stets nach unten beugen, sodass ich einen Buckel entwickeln kann, einen ordentlichen, mir und meiner Buckligkeit gemäßen Buckel, der auf meinem Rücken thront, sodass die Menschen sich irgendwann wundern und sich fragen, ob ich ehedem ein Dromedar gewesen sei, bevor ich mich zum Reptil zurückentwickeln konnte…“ Denkt man so etwas, im Alter?
Beim Abendbrot, gestern: In diese gespenstische Stille, die in diesen Räumen umherwabert, die immer dann vernehmlich wird, wenn absolut nichts zu hören ist, wenn keine Geräusche oder Gespräche die räumliche Tonspur tragen und beherrschen, außer vielleicht, von Zeit zu Zeit, das Kauen und Schmatzen der Essenden und das metallische Scheppern von Besteck, das über Teller kratzt und zieht, in diese bald vollkommene Tonlosigkeit, die einen eigenen Klang entwickelt, ein besonderes Rauschen, ein tief und schräg frequenziertes Ge-Räusch, dort hinein fährt und schlägt ganz plötzlich ein spitzer, schriller und dringlicher Schrei, der die Akustik zerreißt und alle Anwesenden in einer gemeinsamen Gegenwart aufprallen lässt. Ich fahre aus meiner eigenen Versunkenheit hoch, orientiere mich, finde mich allein an Tisch 3 sitzend vor, eine Wurststulle in zwei Hälften teilend. An den anderen Tischen sind die Köpfe der Patienten in Richtung von Tisch 1 gedreht, dort muss der Schrei entstanden sein. Also wende auch ich mich diesem Tisch zu, der direkt links neben dem Eingang steht, an dem immer zwei Frauen sitzen, Donata und Jutta, beide Mitte 50, beide Langzeitpatientinnen, beide extrem mitgenommen, vom Leben. Jutta hält ihr Besteck in den Händen, links die Gabel, rechts das Messer, mit dessen stumpfer Klinge sie sich immer wieder gegen die rechte Schläfe sticht, schlagend, wütend, aufgelöst und verzweifelt, denn das Werkzeug will nicht in das Gewebe eindringen, reißt es eher auf, lässt das Fleisch nur unter dem Druck zerplatzen, weil es nicht stabil genug ist, um der Gewalt standzuhalten. Ihre Hiebe werden immer noch heftiger und dringlicher, Blut rinnt an ihrer Wange hinunter, schmierig und dickflüssig, dringt außen in ihren Mundwinkel und färbt ihre Lippen dunkelrot, wie ein Lippenstift, der sich selbst aufträgt. Alles geschieht entschleunigt, in einer Art Zeitlupe, dramatisiert sich noch, auch durch das Ausbleiben jeglichen Eingriffs von Außen. Mir ist übel, ein leichter Schwindel lässt alles vor meinen Augen verschwimmen, die Wirklichkeit franst aus, wirft Falten an den Rändern. Donata hat ihren Stuhl nach hinten gerückt, ist erstarrt in der Position, schaut zu, mit halb geöffnetem Mund, als lägen Worte bereits zwischen den Lippen und trauten sich nicht, gesprochen zu sein.

Ich denke, dass ich das verstehe, dass ich weiß, was Jutta beabsichtigt, dass das Vorhaben darin besteht, das Messer durch die Schläfe hindurch bis in den Neocortex zu stoßen, auf dem Wege dorthin den Schläfenlappen zu zertrümmern - was schlau und logisch ist, weil sie dadurch ordentlich aufräumt, in sich, weil sie mit einem Schlag den auditorischen Cortex, das Sprachzentrum und Anteile des Gedächtnisses auslöscht, weil sie dann nicht mehr HÖREN MUSS, Gesprochenes NICHT MEHR VERSTEHEN, und sich nicht mehr EXPLIZIT ERINNERN, weil die Zerstörung des Hippocampus ihr das Vergessen erleichtert, weil sie all das, was sie gerade wahrnimmt, endlich nicht mehr speichern wird. Der Plan besteht also darin, endgültig für Ruhe zu sorgen, einen radikalen Anschlag zu verüben, auf sich selbst. Einen heftigen und absoluten Angriff, der keine weiteren Fragen mehr gestattet, der nichts mehr offen und fragwürdig erscheinen lässt.

Nachdem die Pflegekräfte Jutta entwaffnet haben, ziehe ich mich mit Fachliteratur über die menschliche Anatomie, die ich in der klinikeigenen Bücherei ausleihe, in mein Zimmer zurück. Ich kann deshalb so detailliert schildern, was Jutta eventuell gut durchdacht hat, was sie aber auch – konkret an einer Stelle - genauer hätte vorbereiten und durchdenken müssen: Bei Rechtshändern sitzt das Wernicke-Areal, das für die motorisch-sensorische Verarbeitung von Sprache zuständig ist, linksseitig. Sie hat den Anschlag auf sich selbst mit rechts, auf Rechts durchgeführt. Sie hat die dominante Hirnhälfte verschont.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Sie jetzt, über eine Stunde danach, immer noch schreit, obwohl sie sicherlich und mit allen zur Verfügung stehenden Medikationen kaltgestellt und ihr der Ton abgedreht wurde. Vielleicht ist ihr Schreien nur ein Nachhall, eine Art Schreck-Gespenst, das noch durch diese Räume geistert, das vom Erschrecken der Konfrontierten am Leben erhalten wird. Solange ein Ereignis von den jeweilig Erlebenden nicht konstatiert und einer Bewusstwerdung vorgeführt ist, bleibt es als reines Geschehnis abstrakt existent, und ist als Solches fortlaufend – es wird noch nicht beschlossen und situativ beendet, es ist (noch) nicht GESCHEHEN...


Was ist das für eine Wohnung, im welchen Jahr befinden Sie sich, Herr O.?“, fragt Licher, mir gegenüber sitzend, seine Notizen auf dem Schoß, den Stift gezückt, als hätte er eine Waffe gezogen. Es ist 15h, draußen scheint die Wintersonne und wirft die letzten Strahlen des Tages in das Büro. Auf dem kleinen Beistelltisch zwischen uns liegt meine Akte, schwer und drohend, brütend, über mir und der Gegenwart. Die Vergangenheit bearbeite ich selber – mit geschlossenen Augen gehe ich wieder zurück, lasse die Situationen einfach zu mir kommen, lasse meine Erinnerung über mich herfallen, als hätten wir noch was zu klären, als wären wir im Unfrieden auseinandergegangen, die Vergangenheit und ich. Es muss dieses Jahr sein, es muss sich um den Frühling´97 handeln. Es ist defintiv F´s Wohnung, in Kassel, Frankfurter Straße. Ich sehe mich im Flur des Treppenhauses sitzen, ganz oben, im neunten Stockwerk, vor der Tür seiner Dachgeschosswohnung, aus dessen Küche man in das Auestadion blicken kann.

Wir sind hier an einem Punkt angelangt, F und ich, an dem sich aus der tiefen Bindung eine schmerzhafte Fesselung verfestigt, an dem die Gegenwart des Einen den jeweils Anderen NICHTET, an dem der Kampf sich nahezu offen und ohne unser Zutun selber austrägt, weil die Grunderfahrung nicht mehr Liebe ist, sondern Verachtung, weil da auf beiden Seiten intentional keine Zugewandtheit mehr waltet - weil da plötzlich ZWEI SEITEN bestehen, zwei Fronten und zwei Wirklichkeiten.

Vielleicht März, vielleicht April, auf jeden Fall noch in diesem Jahr. F hat die Wohnung erst im letzten Winter bezogen. Mit dem Auszug aus der WG, mit dem Umzug nach Kassel, weg von uns und Melsungen, hat er alles aufgekündigt, was da mal gewesen ist, zwischen ihm und mir. Das wird mir gerade klar.“ Ich fühle mich unbehaglich, verändere immer wieder meine Position, auf diesem Sessel, hänge da eher, als dass ich sitze. Mein Körper fühlt sich fremd an, als bewohnte ich ihn nicht mehr vollständig - ich wachse eher aus ihm raus, jedoch nicht expansiv, weil ich mich irgendwie entfaltete oder sogar größer würde - es ist eher eine unvorteilhafte Verwachsung und eine personale Entfremdung, die sich von innen nach außen vollzieht, als passten meine Glieder nicht mehr zueinander, als gehörten sie nicht zu diesem Rumpf, an dem sie befestigt sind. Und weil Sie mich jetzt gleich danach fragen werden, wie sich das anfühlt, und was das mit mir macht, sage ich Ihnen schonmal vorwegnehmend: Da ist nichts mehr, was ich empfinden könnte, da ist alles weggelebt und leergefühlt, in mir, da weht ein ausgedörrtes Tumbleweed durch mich hindurch, dort, wo man das Fühlen verortet.Er hat alles mitgenommen, als er gegangen ist!“

Das hört sich nicht danach an, als wäre da Nichts, das merken Sie selber, richtig?“ Wie ich das und wie ich ihn HASSE. Wie peinlich und wie lächerlich ich es finde, wenn Licher versucht, mir das überstülpen zu können, was er sich in seiner Vorstellung konstruiert und zurechtbiegt, all das, was er meint, wahrzunehmen, zu SEHEN in mir, zu verstehen anhand meines Verhaltens, meiner Äußerungen, meiner Körpersprache und Tonalität, wenn er demnach glaubt, ich würde schon zugreifen, sofern er mir seinen welken Kopfsalat nur ausreichend nahelegt. IST ER so dumm, oder hält er MICH für derart umnachtet, geistig? Sie werden mir sicherlich gleich sagen, wonach es sich anhört, und was ich selber merke, richtig?“ Ich schaue ihn jetzt direkt an, beim Reden. Er lässt sich jedoch nicht provozieren: „Ich schlage vor, Sie schließen wieder die Augen, und setzen dort an, wo Sie bildlich unterbrochen haben: Sie sitzen vor der Tür der Wohnung. Sie haben geklingelt und es wird Ihnen nicht geöffnet - sie werden nicht hereingelassen…

Ich sitze vor der Türe, richtig. Es öffnet niemand, auch richtig. Ich habe mehrfach geklingelt, und ich weiß, dass er da ist, ich weiß, dass er sich dort drinnen befindet, ich habe ihn hineingehen sehen, in seine 70qm Wohnung. Ich weiß, dass er glaubt, sich hier vor mir verstecken und sich vor allen Blicken – vielleicht sogar vor der Sichtbarkeit - verbarrikadieren zu können.“

Die Bilder laufen weiter. Ich kann sehen, wie ich mir eine Kippe anzünde, wie ich kurz überlege, und dann spontan das Streichholz auspuste, es umdrehe und es in den Spalt stecke, der zwischen dem Klingelschalter und der Befestigung an der Wand besteht. Es ist ein grelles, dröhnendes Schellen, das jetzt zu hören ist, ohne Unterbrechung, vibrierend, enervierend, selbst mir, der ich hier draußen sitze, nur vor der Wohnung, gehörig auf den Wecker fallend. Ich stecke mir die Kopfhörer meines Walkmans in die Ohren - und warte...


3 KLINIKPROTOKOLL M - 21.12.97

Die Banalität frisst sich langsam rein, in mich, in die Zeit, die ich hier verbringe, die ich hier noch abzusitzen habe. Es kommt mir vor, als würde ich mit jedem weiteren Tag an Relevanz verlieren, als ginge mir die Kraft aus, um selber zu gestalten, als könne ich nur noch reagieren und registrieren. Vielleicht ist es die Sinnlichkeit, die uns abgegangen ist, die mir fehlt. Ein Mangel an adäquater Wachheit, um dem Erleben etwas abzutrotzen, was NICHT langweilt, was NICHT den Überdruss noch nährt. Ich wehre mich mit aller Kraft gegen jede Aufwallung von Sensitivität, sehne jeden Morgen die Einnahme der verschriebenen Substanzen herbei, die sich auf meine Rezeptoren zu legen haben, die dort walten und fungieren, um mich bald vollständig lahmzulegen, um mich außer Gefecht zu setzen, wie all die anderen auch, die hier noch vor sich hin vegetieren, wie Zellsäcke, die einfach weiter atmen und verstoffwechseln, deren Blut sich immer weiter durch den erschlaffenden Körper pumpt, um den Status des Lebendigen gerade so noch aufrechtzuerhalten.

Es ist 13h, eben habe ich den Mittagstisch verlassen. Ich gehe dann jeweils die Treppen runter und durch den Haupteingang nach draußen, lasse mich auf einer der Bänke nieder und rauche zwei bis sieben Marlboro. Heute setzt sich Andi zu mir, Zimmer 9. Es entsteht unmittelbar eine unausgesprochene Übereinkunft, auch und vor allem das Schweigen betreffend. Es gibt nichts zu sagen. Ich habe nichts beizutragen, nichts zu berichten, er ebensowenig. Also tragen wir nichts bei, also berichten wir nichts, also unterlassen wir all das, was da draußen, in der großen Manege, gepflogen ist. All diese Vereinbarungen, die Anforderungen, aber auch die gegenseitige Schonung im öffentlichen Raum, im Sozialen, die Einvernehmlichkeit der Distanz, die gewahrt bleibt, die sicherstellt, sich gegenseitig nicht zu nahe zu kommen, all dies ist hier grundsätzlich nicht in Betrieb, nicht gefordert, nicht abzurufen. Es ist die Abgängigkeit nahezu jedweder Verpflichtung und irgendeines MÜSSENS, was sich dann doch regenerativ auswirkt, irgendwann.

Andi streckt die langen Beine aus, drückt die Brust nach vorne und die Schultern nach hinten, bringt den ganzen Leib in eine Art komfortabler, entspannter Gedehntheit und Aufrichtung, reibt sich mit dem rechten Fußrücken die linke Wade. Gesten, auf die oft zwangsläufig ein Gähnen folgt. Andi gähnt jedoch nicht, was ich erleichtert zur Kenntnis nehme. Gähnen habe ich immer als Zeichen von Unsicherheit empfunden, als Signal einer Unbehaglichkeit. Das Gähnen des Gesprächspartners - am Telefon, in der Kneipe, auf dem Bürostuhl oder dem Sessel gegenüber - verdeutlicht weniger dessen Müdigkeit, mehr aber einen Unwillen, den Dialog und die Situation fortzuführen, ein ergreifendes Unwohlsein, ein spontanes, körperliches Nichtbehagen.

Sich andererseits über das Phänomen des Gähnens Gedanken machen zu können und zu dürfen, verweist darauf, dass der so Denkende sehr viel Zeit hat, sehr wenig zu müssen hat, sich in seiner Situiertheit vollständig ausruhen und austoben kann. Weil ich jetzt ein Gähnen unterdrücken muss, erhebe ich mich spontan, drücke die Kippe aus und will mich auf den Weg machen, als Andi fragt: „Du bist der mit dem Unfall, oder…?“ Etwas sackt hinunter, von meinem Oberbauch direkt durchgereicht bis zum Gedärm, ich zucke kurz zusammen, deutlich sichtbar für ihn.“Sorry, wollte dir nicht zu nahe treten…“

Passt schon“, entgegne ich und wiege ab, „hab mich nur erschreckt. Bin hier noch nicht so häufig angesprochen worden.“ Ich lächle. Er lächelt. „Ja, ich hatte einen Unfall, ist ein bisschen her - ich war auch nur der Beifahrer - ist nix passiert, nix Bleibendes, zumindest…“

Bevor er reagieren oder entgegnen kann, mischt sich Donata ein, die neben der Bank steht und ebenfalls raucht. Fast scheint es, als wolle sie ablenken, das Gespräch umleiten, mir aus einer Verlegenheit helfen. Hier spricht sich alles rum, ist wie auf einem Dorf, in Vorpommern, oder in Niedersachsen, jeder weiß irgendwas über jeden, und keiner weiß, woher…“ Wir schauen sie an. Sie wirkt äußerlich verlebt, verbraucht und verwahrlost, aber auch ausgeglichen und angekommen, irgendwie ruhend, in sich und in ihrer eigenen Erzählung.

Bist ´ne Langzeitlerin, oder…?“, fragt Andi sie, sich die nächste Kippe drehend, während er noch raucht - den Stummel im Mundwinkel - auf den Umstand anspielend, dass Donata eine der Patientinnen ist, die hier wohnen, die freiwillig hier leben, die im geschützten Raum dieser Einrichtung lebensfähig und alltagstauglich sind. Sie setzt sich jetzt neben ihn, spricht ihn direkt an.

Hast du dir schonmal Gedanken gemacht, über dieses „ODER“, am Ende deiner Aussagen und Fragen? Das wirkt leicht ungelenk, so, als wolltest du vorgreifen und dich und deine Beiträge vorsorglich selber infragestellen, weil du davon ausgehst, dass das sowieso passiert, oder weil du erlebt hast, dass das immer wieder passiert. Wären Dialoge Kämpfe, würde dein ODER als Kapitulation fungieren, oder mindestens als Angebot für ein REMIS, wie es das beim Schach ja gibt…“

Es ist still, ganz kurz nur. Es ist eine andere Stille, als ich sie von draußen kenne. Es ist keine dieser unangenehmen Verlegenheitspausen, in denen sich alle Beteiligten unmittelbar im Jetzt und im Hier vorfinden, wo eine plötzlich entstandene Dissonanz sie ganz nah ranzoomt, sie schluckt und sie wieder ausspuckt, mitten in das Geschehen hinein, wo die Pause sich endlos in die Länge zieht, die Stille zu knistern und zu dröhnen beginnt, und wo dann dieses Rauschen einsetzt, im eigenen Ohr, man unbehaglich von der einen Pobacke auf die andere rutscht, das plötzlich schwer zu tragende, eigene Gewicht verlagert, man sich räuspern will, aber sich nicht traut, weil es viel zu laut und irgendwie unangemessen klänge, weil man damit einen Keil in die Stille schlüge wie mit einer Axt - und weil das Räuspern die Aufmerksamkeit auf den sich Räuspernden zöge…

Jedenfalls: Diese Art von Stille ist es nicht. Es ist eher eine natürliche, bald schon organische Unterbrechung, in der alle Anwesenden nachzudenken scheinen. Ich denke: Ob aus einer losen Unterhaltung ein GESPRÄCH entsteht, hängt wohl einerseits davon ab, ob es gelingt, die Störgeräusche des Sozialen hinreichend runterzupegeln, um sich nicht zu sehr mit sich selbst, mit der Fremdwahrnehmung und dem situativen Rollenverhalten auseinanderzusetzen, und andererseits vielleicht auch davon, ob der Dialog dafür bereithalten kann, auch wirklich das eigene Erleben zu reflektieren und zu kommunizieren, also nicht nur übliche und gebräuchliche Worthülsen zu rezitieren, die irgendwann von irgendwo aufgeschnappt sind, die man aus der Verlegenheit aufgreift, jetzt und hier, im Involviertsein einer Begegnung, spontan und unmittelbar entgegnen und eine Meinung haben zu müssen, wenigstens eine Sichtweise aufrufen und bestenfalls auch vertreten zu können. Im schlechtesten (oder eben im besten) Falle wird einfach diese Verlegenheit kundgetan, ist immer das JETZT-ERLEBNIS selbst gegenständlich, WIE etwas aufgefasst und erfahren wird, die Art und Weise, wie der Körper und der Geist reagieren, auf die Begegnung, auf die Konfrontiertheit, auf die Inhaltlichkeit des Dialogs.

Wieder einmal verrenne ich mich, weil mit F auch der Anker und die Widerständigkeit fehlt, die es braucht, um díe eigenen, wirren Denk-und Wahrnehmungsprozesse rückzukoppeln, um sich abstoßen zu können und derart und insofern dann Resonanzen aufzuspüren, anhand derer man sich orientieren und erden und einnorden könnte, um nicht Opfer der eigenen semantischen Ketten zu sein, die mich von hier nach dort und wieder zurück leiten, denen der stabile Grund und der feste Boden fehlt, auf denen die Wirklichkeit und deren Auffassung gedeihen, heranreifen und stabil bestehen können. Was zu beweisen war.

Es ist grausam und es ist anstrengend. Ich gewinne immer mehr den Eindruck, auch auf die banalste aller Fragen - wie geht es dir? - bereits einen pseudo-profunden Monolog über die Hintergründe und die Eigentlichkeit dieser Fragestellung hochzuwürgen und ausspeien zu müssen, weil ich privilegiert bin, ALLES zu verstehen und in die Tiefe zu durchdringen - was mich wiederum verantwortlich sein lässt, dafür, dieses Wissen auch bereitzustellen, auf dass die Welt daran teilhaben kann, und die Nichtprivilegierten – also alle anderen – davon auch profitieren können, von mir, von meiner unendlichen Weisheit, von meinem neu gewonnenen Durch-Blick.

Wo war ich, an welcher Stelle hatte ich mich verlaufen? Donata, genau, Donata und Andi und ich, die Stille, die da entsteht, als sie auf seine Frage reagiert. Auch wenn Donatas Bemerkung Andi durchaus provozieren soll und das auch tut, so ist dem keine Boshaftigkeit, kein Argwohn zu entnehmen. Es ist eher schon eine Aufforderung, dieses Gespräch ernst zu nehmen, wenigstens ab jetzt alles zu unterlassen, was Distanz schaffte, jedwede Ironie und allen Sarkasmus wieder einzupacken und sich zu bekennen und zu begegnen, hier, unter diesem Baum, jetzt, an diesem frühen Nachmittag. Die beiden sehen sich an, etwas länger, als notwendig. Es wirkt, als würden sie sich erkennen, als fiele ein Groschen, und bildete größer werdende Kreise, in einem Gewässer. Der Eine registriert das Geheimnis des Anderen. Für mich bleibt es geheim, ich bin draußen, bin ausgeschlossen, aus der Exklusivität dieser Gesellschaft, die sich da plötzlich gebildet hat, durch das gegenseitige Erkennen. Ich bin nicht sicher, ob da Sympathie ist, ob es ihnen angenehm ist, erkannt zu sein.

Manchmal, wenn man sich selbst im Gegenüber sieht, oder dort Anteile ausmacht, die man sich selber zuschreibt und die man nicht goutiert oder sogar ablehnt, dann folgt darauf unwillkürlich eine Ablehnung, durch die Identifikation, eine Ablehnung, die einen selber betrifft und die man auf den anderen nur projiziert, die man ihm stellvertretend zuteil werden lässt.


Das Denken und das Schreiben verhindert, dass ich PLATZE.

Es fühlt sich an, als implodierten meine Gedanken, als richteten sie sich gegen mich und trommelten und hämmerten gegen die Wände meines Kopfes, um freigelassen zu sein.

Ich sag dir das jetzt einmal und ganz deutlich“, sagt Donata einmal, ganz deutlich, an Andi vorbeischauend, zum kleinen Fenster ihres Zimmers blickend, „und ich will, dass du das absolut respektierst: Halt dich fern von mir. Bleib auf Abstand. Du weißt, warum…“

Sie schaut ihn jetzt direkt an, sucht und hält Kontakt zu seinen Augen, greift seinen Blick und lässt ihn nicht mehr los. Er nickt nur, er scheint zu verstehen. Ich nicht, wie kann das sein?

Es wird immer schräger: Die beiden stehen auf und umarmen sich. Als sie sich voneinander lösen, nimmt Donata Andis Kopf zwischen die Hände, schaut ihm wieder in die Augen, sucht und findet schließlich irgendwas und sagt: „Pass auf dich auf. Mach keinen Scheiss, ja?“

Er nickt wieder nur, aber seine Augen glänzen jetzt, schimmern leicht, gespiegelt vom Licht der Mittagssonne.

Du auch“, entgegnet er, dicke Frösche im Hals, brechende Stimme, dreht sich um und geht, zurück ins Gebäude, zurück auf Zimmer 9, vermute ich. Donata setzt sich wieder, atmet tief durch und dreht sich eine Kippe. Ich gebe ihr Feuer, stecke mir selber eine an, dann rauchen wir, wir rauchen und wir sehen Jutta, wie sie von zwei Pflegern vom Speisesaal zurück zur Krankenstation begleitet wird, eingehakt, links und rechts flankiert und gestützt, denn die neue Medikation erschwert und verlangsamt auch ihre Schritte. Der Krankentrakt liegt im Gebäude der Geschlossenen, weshalb es wiederum unklar bleibt, wo sie Jutta jetzt unterbringen, einquartieren, wegsperren werden, ob sie zurückkehren kann und darf, irgendwann, ob ihr zugetraut und zugemutet wird, ihr altes Zimmer wieder zu beziehen, dass sie als Langzeitpatientin seit über 15 Jahren bewohnt. Um ihren Kopf ist ein Turban aus Mullbinden gelegt, darüber trägt sie eine Art Ganzkopfhelm aus dickem Leder, der sie vor weiteren Angriffen schützen soll. Sie wirkt wie ein Boxer, nach der zwölften Runde, in der das Handtuch doch noch geschmissen wurde. Kurz, flüchtig nur, wie ein vorbeiwehendes Bild, entsteht in mir der Eindruck, als säßen Donata und ich in einem Freilichtkino, als blickten wir auf eine überdimensionierte, umfassende und bewegliche 360 Grad-Leinwand, die unter unseren Füßen beginnt und sich bis zum Horizont spannt, bis ganz weit oben an das Firmament. Ich muss grinsen, und auch Donata lächelt. Es ist die sanft gestreute Absurdität der Situation, dieser feine Sprung und Riss in allem Sichtbaren - eine gebrochene Schönheit, die sich über das Geschehen legt, ein Glitzern und ein Funkeln in den Dingen, das Würdevolle der gesamten Szenerie, die etwas Erhabenes in sich trägt, die in ihrer Kaputtheit ganz und vollkommen scheint.

Und in genau jenem Augenblick, als ich mir dessen gewahr werde, als ich Worte und Begriffe dafür finde und das erkenne, es identifiziere und benenne, was sich gerade ereignet, da ist es geschehen, um das Geschehen. Als würde ich mich entgegenwärtigen, mich dem Erlebnis und der Gegenwart entziehen, indem ich mich darin vorfinde und es mir bewusst wird. Donata steht abrupt auf, nickt mir zu, noch den Ansatz einer Zugewandtheit in der Mimik, dreht sich um und folgt den beiden Pflegern, die Jutta geleiten. Kurz vor dem Eingang der Geschlossenen stellt sie die Drei und fragt einen der Pflegekräfte etwas, das ich nicht verstehen kann, das aber auch nicht wichtig ist, weil nichts wichtig ist, weil alles gleich gewichtet ist, wenigstens jetzt, in diesem Augenblick. Ich sitze auf der Bank vor der Klinik, und rauche. Es endet, wie es begonnen haben wird. Das ist das Highlight dieses Tages.


Ich bewege mich nur dann, wenn ich von außen angestoßen bin, wenn ich Impulse bekomme, die deutlich und auffordernd genug sind. Ansonsten schwebe oder gleite oder treibe ich durch die Räume und durch die Zeit, durch die Situationen vielmehr, ohne Richtung und ohne Intention, ohne Absicht, Wunsch, Bedarf. Es fühlt sich an, wie ein tiefes und unangekündigtes Fallen, dessen Aufprall sich nicht einstellt, auf den man zwar wartet, der aber bislang ausgeblieben ist und immer noch weiter ausbleibt, der den Vorgang des Fallens nicht abschließen, nicht konkretisieren und vergegenständlichen will. Man rudert mit den Armen, bereitet sich auf etwas vor, das man automatisch mit der eigenen Befindlichkeit assoziiert, was einem folgerichtig erscheint, durch dessen Abgängigkeit man aber weiter rudert, wartet, fällt... - Vielleicht fällt man gar nicht, nicht eigentlich, wenn man nicht aufprallt, nicht aufschlägt, nicht krachend landet. Wird das Fallen schon durch die Richtung, oder erst durch den Aufprall definiert? Was ist es, wenn dieser nicht eintritt? Ist es dann eher ein Flug, senkrecht, in die Tiefe zwar, aber wesenhaft eher ein Fliegen?

Die Medikationen dienen lediglich dazu, den Zustand zu ertragen, in den man von ihnen befördert wird. Ich habe Licher diesen Eindruck mitgeteilt, ich habe ihm vom Fallen berichtet, von meiner Ahnung, das bloße Aushalten bald nicht mehr aushalten zu können. Er bittet mich um Geduld. Er meint, ich müsse lernen, mit Emotionen umzugehen. Er kündigt Veränderungen an, die sich bald einstellen werden. Ich soll schreiben, einfach weiter schreiben, das Protokoll meines Aufenthalts fortsetzen, in meiner Erinnerung wühlen und mein Gedächtnis umrühren, um dann das aufzugreifen, was sich mir erschließt und anbietet, was sich wieder-holen lässt, schreibend, erinnernd. Licher empfiehlt auch, zusätzlich zu der Form des Protokolls, eine weitere Variante auszuprobieren, deren Tauglichkeit auf der Ansprache beruht, auf der Intersubjektivität und darauf, in und mit dem angesprochenen Adressaten auch sich selber anzusprechen: Ich soll Briefe schreiben. An die, die mir wichtig sind, die bedeutsam waren, mit denen ich die letzten Jahre verbracht und gelebt habe, die vielleicht sogar dabei waren, als F verschwand, die über weitere Informationen und andere Perspektiven verfügen. Er sagt, es sei auch vorerst unerheblich, ob ich diese Briefe auch tatsächlich versende. Wichtig ist nur, sie zu formulieren, um die eigene Intention zu klären, um das Rollenverhalten in der Ansprache eines anderen zu aktivieren, um auch unangenehme Fragen zu stellen, den anderen und mir, Fragen, die sich im Format des Protokolls, im Selbstgespräch, nicht stellen. Es ist immer derselbe Gedanke, den ich denke, der sich eher selber denkt. Sprache wird nicht gesprochen. Sprache spricht sich, oder nicht. Fragen werden nicht gestellt. Fragen stellen sich. Oder nicht?


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Autor Florian Giesenhagen

Dipl.-Hygiagoge im Hygiagogik-Zentrum Nordwest

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